MediaCulture-Online Blog

18.12.2014 | Sascha Schmidt

Medienheld(inn)en von Heranwachsenden

Bild: marvelousRoland, Lizenz: CC BY-SA

Zur Bewältigung von Entwicklungsaufgaben orientieren sich Heranwachsende häufig an medialen Figuren. Dies hängt in erster Linie mit dem umfangreichen Medienangebot sowie der hohen Nutzungsdauer zusammen. Michael Gurt, Chefredakteur des Elternratgebers Flimmo, ging in seinem Vortrag am 3. Dezember 2014 im Rahmen der Stuttgarter Kinderfilmtage auf die Bedeutung von Medienheld(inn)en für Kinder und Jugendliche ein. Gurt erläuterte, welche Figurentypen in welchem Alter der Heranwachsenden eine Rolle spielen. Darüber hinaus stellte er Methoden vor, wie das Thema im Unterricht aufgegriffen werden kann.

Orientierungsfunktion von Medien

Bei der Ausformung ethisch-normativer Werte und der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben suchen Kinder und Jugendliche nach Orientierungshilfen. Sie sehnen sich nach Vorbildern, die stereotypisch und mit verlässlicher Eindeutigkeit handeln. Die Medien bieten hierzu eine riesige Auswahl an Figuren, an denen sie sich orientieren können. Welche medialen Vorbilder sie heranziehen, hängt neben dem Einfluss von Familie und Freundeskreis vor allem vom Alter der Heranwachsenden ab.

Medienheld(inn)en von Vorschulkindern

Eine wichtige Rolle bei der Auswahl von medialen Vorbildern spielt bei Vorschulkindern der emotionale Aspekt. Sie wünschen sich Figuren, die sie ins Herz schließen und mit denen sie mitfiebern können. Diese Figuren haben meist ein sehr kindliches und niedliches Erscheinungsbild. Auch die soziale Interaktion ist für sie von Bedeutung: Hilfsbereite Held(inn)en kommen bei Vorschulkindern besonders gut an.

Bild: Gwendal Uguen, Lizenz: CC BY-NC-SA

Vor allem Jungen suchen nach starken und mutigen Helden, die bestimmte Fähigkeiten haben und gegen das Böse kämpfen. In ihrer Fantasie schlüpfen sie in die Rolle dieser Helden und spielen deren Abenteuer nach. Eine Problematik sieht Gurt darin, dass bestimmte Heldenfiguren in Medienformaten mit unterschiedlichen Altersfreigaben auftauchen. Als Beispiel nannte er die Comicfigur Batman, die sowohl in Zeichentrickserien für Kinder (Altersfreigabe ab 0 bzw. 6 Jahren) als auch in den düsteren und martialischen Realverfilmungen von Regisseur Christopher Nolan (Altersfreigabe ab 12 bzw. 16 Jahren) auftaucht. Das Interesse an entsprechenden Filmen ist bei den jungen Fans des Helden natürlich groß, jedoch können die düsteren Darstellungen auf Kinder durchaus verstörend wirken. Eltern sollten sich dessen bewusst sein und die Altersfreigaben trotz des Interesses an den Filmen beachten.

Medienheld(inn)en von Grundschulkindern

Die Eiskönigin (Disney). Basierend auf Bild von claude edwards, Lizenz: CC BY-NC

Bei Grundschulkindern spielen mehr als in der Vorschule geschlechterrollenspezifische Merkmale der Held(inn)en eine wichtige Rolle. Mädchen orientieren sich diesbezüglich an weiblichen Figuren, die für sie Stärke und Schönheit ausstrahlen. Eine dieser aktuell bedeutsamen Figuren ist die Eiskönigin aus dem gleichnamigen Disney-Film.

Bei Jungen im Grundschulalter sind unterschiedliche Präferenzen festzustellen. Für viele bieten der Antiheld oder auch der liebenswerte Chaot, dem man nie böse sein kann, eine Orientierungsfunktion. Als Beispiel hierfür nannte Gurt die Comicfigur Bart Simpson. Viele Jungen können sich damit identifizieren, dass dieser manchmal über die Stränge schlägt und sich nicht anpassen will.

Des Weiteren spielen Fantasie- und Actionwelten bei den Jungen eine wichtige Rolle. Besondere Settings jenseits der realen Welt scheinen sie zu faszinieren. Auch dort sehnen sie sich nach Helden, die in den Kampf gegen das Böse ziehen und bewundern ihre Eigenschaften wie Kraft oder Mut. Ein Beispiel für einen solchen Helden ist die Figur Anakin Skywalker aus der Animationsserie Star Wars: The Clone Wars, so Gurt. 

Medienheld(inn)en von Jugendlichen

Bild: Nadja Amireh, Lizenz: CC BY-SA

Für Jugendliche verlieren fiktionale Helden langsam aber sicher an Bedeutung. Sie orientieren sich vielmehr an den „echten“ Held(inn)en des Alltags, die sie aus den Medien kennen. Mädchen suchen vor allem bei Musikstars und Models Orientierung. Eine wichtige Rolle in diesem Kontext spielen so genannte Scripted-Reality-Sendungen. Diese Sendungen täuschen vor, Geschichten aus dem echten Leben zu dokumentieren. Tatsächlich sind jene Sendungen jedoch hochgradig inszeniert. In Castingshows wie beispielsweise Germany’s Next Topmodel wird den Heranwachsenden durch den Einsatz „echter“ Kandidatinnen vermittelt, dass der Weg zum Ruhm für jedermann offen steht. Auch Real-Life-Sendungen wie Berlin Tag und Nacht geben vor, den realen Alltag der Protagonisten abzubilden. Kinder und Jugendliche finden sich in den Geschichten und Problemen der Darsteller/-innen wieder und können den hohen Inszenierungsgrad der Sendungen noch nicht richtig einschätzen. Hierdurch werden ihnen häufig fragwürdige Handlungsroutinen und verfälschte Berufsbilder vermittelt.

Screenshot aus dem Computerspiel GTA V. Bild: Community Mag, Lizenz: CC BY-NC

Männliche Jugendliche verehren oft Sportidole als Helden. In diesem Kontext spielen Computerspiele eine wichtige Rolle: Für viele Heranwachsende ist es reizvoll, innerhalb von Computerspielen in die Rolle ihrer „echten“ Sportstars zu schlüpfen und deren Fähigkeiten virtuell zu beherrschen. Ein weiteres bei Jungen sehr beliebtes Computerspiel ist Grand Theft Auto, dessen inzwischen fünfter Teil auf dem Markt ist. In diesem Spiel steuern die Spieler/-innen kriminelle Protagonisten, die bewusst Grenzen überschreiten, Gewalt ausüben und Normen verletzen. Das Spiel hat zwar eine Altersfreigabe ab 18 Jahren, jedoch übt es speziell auf jüngere männliche Jugendliche einen besonderen Reiz aus.

Der Youtube-Künstler Gronkh bei einem Fantreffen. Bild: EWVA/Christof Wolff, Lizenz: CC BY-NC

Eine immer größere Bedeutung sowohl für Jungen als auch für Mädchen nehmen Youtube-Künstler/-innen ein. Diese „authentischen“ Stars von nebenan vermitteln mit ihren Webvideos den Eindruck, dass jede/r mit geringem Aufwand berühmt werden kann. Inhaltlich sind besonders Tutorials (z.B. für Make up) oder das Zusehen beim Computerspielen (sog. Let’s Play-Videos) beliebt bei den Jugendlichen. Aktuell bedeutsame Youtube-Kanäle sind beispielsweise die von Gronkh (Let’s Play-Videos), LeFloid („Action-News“) oder BibisBeautyPalace (u.a. Mode- und Make up-Tutorials).

Medienheld(inn)en im Unterricht

Im Rahmen seines Vortrags stellte Michael Gurt Methoden zum Aufgreifen des Themas Medienheld(inn)en im Unterricht vor. Mit diesen soll ein selbstbestimmter und kritisch-reflexiver Umgang der Heranwachsenden mit den Medienangeboten gefördert werden. Je nach Alter der Lerngruppe bieten sich hierzu unterschiedliche Methoden an.

Methoden für die Grundschule und Orientierungsstufe

Heldenleine
Die Methode der Heldenleine kann zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Medienverhalten eingesetzt werden. Eine ausführliche Anleitung zu dieser Methode finden Sie hier.


Pantomime
Die Schülerinnen und Schüler stellen ihre medialen Held(inn)en pantomimisch dar, während die restliche Lerngruppe errät, um welche Figur es sich handelt. Anschließend kann darüber gesprochen werden, welche Eigenschaften die einzelnen Held(inn)en besitzen und warum gerade sie so beliebt sind.


Heldenbilder zeichnen
Die Schülerinnen und Schüler zeichnen Bilder ihrer Held(inn)en und stellen diese der Lerngruppe vor. Im Anschluss findet ein Austausch darüber statt, in welchen Medien die Figuren auftauchen. Darauf aufbauend können die Lernenden berichten, welche Fernsehsendungen sie regelmäßig anschauen und aus welchen Gründen.

Methoden für die Sekundarstufe

Analyse von Medienprodukten
Für Jugendliche bietet sich im Speziellen die gemeinsame Analyse von Scripted-Reality-Sendungen und Youtube-Videos bekannter Künstler/-innen an. Auf diese Weise können Handlungs- und Inszenierungsmuster der Videos herausgearbeitet werden, um einen kritisch-reflexiven Umgang mit den Angeboten zu fördern.


Produktion von Videos
Anhand herausgearbeiteter Inszenierungstechniken bestimmter Medienformate können selbständig Videos nach entsprechenden Mustern produziert werden. Auf diese Weise findet eine kreative Auseinandersetzung mit der Thematik statt.


Recherche zur Vermarktung von Stars
Anhand einer Internetrecherche setzen sich die Lernenden mit den Vermarktungsstrategien ihrer Lieblingsstars auseinander. Je nach Voraussetzungen der Lerngruppe kann die Lehrperson hierbei Quellen vorgeben oder eine freie Recherche zulassen. Abschließend werden die einzelnen Vermarktungsstrategien der Stars präsentiert und besprochen.

Unterrichtsmodule zum Thema Fernsehen

Lügenfernsehen?
Schülerinnen und Schüler werden herangeführt an einen kritischen Umgang mit dem Medium Fernsehen und seinem Wahrheitsgehalt.


Manipulation in den Medien
In der Unterrichtseinheit wird den Schülerinnen und Schülern bewusst gemacht, welche Manipulationsmöglichkeiten über Bilder und Nachrichtentexte existieren.


Barbie und Action Man
In der Unterrichtseinheit lernen die Schülerinnen und Schüler, dass sich Werbung für Jungen von Werbung für Mädchen unterscheidet.

Außerschulische Pädagogik, Computerspiele, Eltern, Erzieherinnen und Erzieher, Film, Lehrkräfte

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